Die letzte Stunde

Es ist spät geworden. Das Haus ist still, irgendwo tickt etwas, sonst nichts. Du hättest längst schlafen gehen sollen, du weißt es, morgen wird es wieder früh. Und trotzdem sitzt du noch einmal da. Der Bildschirm leuchtet, das Zimmer ist dunkel, nur dieses eine helle Rechteck und du davor.

Vielleicht startest du World of Warcraft. Vielleicht läufst du nur durch eine Gegend, in der es längst nichts mehr zu tun gibt. Du machst nichts Wichtiges. Niemand wartet auf dich, kein Raid, keine Aufgabe. Und trotzdem willst du gerade nirgendwo sonst sein.

Diese eine Stunde am Abend gehört dir. Nicht der Arbeit, die heute wieder zu lang war. Nicht den Menschen, die etwas von dir wollten, auch wenn sie es liebevoll wollten. Nicht der Liste, die morgen wieder von vorne anfängt. Diese Stunde gehört nur dir, und du bewachst sie, ohne es jemandem zu sagen.

Wenn du ehrlich bist, fühlt sie sich an wie damals. Und vielleicht hast du dich schon gefragt, warum eigentlich. Die Grafik ist nicht dieselbe, du bist nicht derselbe, dein Leben sieht anders aus als mit siebzehn. Was also ist es, das sich gleich anfühlt?

Ich glaube, es ist die Art der Zeit.

Damals war das Spielen auch schon die gestohlene Stunde. Nach der Schule, nach den Hausaufgaben, wenn die anderen schliefen und das Haus endlich ruhig war. Es war die Zeit, die niemand von dir verlangt hat – also hast du sie dir genommen. Du hast leise die Tür zugemacht, den Ton leiser gedreht, und dann gehörte dir die Welt für ein paar Stunden ganz allein.

Es ging nie wirklich um das Spiel. Es ging um diese Tür, die du zumachen durftest. Um den Ort, an dem niemand etwas von dir wollte, außer dass du da bist.

Damals hattest du viele solcher Stunden. Sie kamen wie selbstverständlich, Abend für Abend, und du hast nicht gewusst, wie kostbar das war – weil man das nie weiß, solange etwas selbstverständlich ist.

Heute hast du eine. Wenn du Glück hast. Und vielleicht ist das der Grund, warum du sie so festhältst – warum du noch sitzen bleibst, obwohl du müde bist, obwohl du weißt, dass du es morgen bereust. Nicht, weil das Spiel dich nicht loslässt. Sondern weil das das Letzte ist, was nur dir gehört.

Irgendwann machst du den Rechner doch aus. Das Zimmer wird dunkel, ganz dunkel jetzt. Du bleibst noch einen Moment in dieser Stille sitzen, bevor du aufstehst.

Und für einen Augenblick ist es wieder genau wie damals. Nicht das Spiel. Die Ruhe danach.